Tics sind plötzliche, rasche, wiederholte Bewegungen oder Lautäußerungen, die nicht willentlich geplant sind und keinem erkennbaren Zweck dienen. Man unterscheidet:
Viele Betroffene – vor allem Jugendliche – spüren unmittelbar vor dem Tic ein Vorgefühl (sensomotorisches Vorgefühl, englisch premonitory urge): ein Kribbeln, eine Anspannung oder ein Druckgefühl, das erst durch die Ausführung des Tics nachlässt. Dieses Vorgefühl ist ein wichtiger Ansatzpunkt der Behandlung.
Tics können für begrenzte Zeit unterdrückt werden, was jedoch Anstrengung kostet. Sie nehmen typischerweise bei Aufregung, Stress, Freude oder Müdigkeit zu und bei konzentrierter Tätigkeit ab. Während des Schlafs treten sie kaum auf. Charakteristisch ist außerdem, dass Tics in Art, Ort und Intensität über Wochen und Monate wechseln ("Waxing and Waning") – das ist kein Zeichen einer Verschlechterung, sondern gehört zum natürlichen Verlauf.
Vorübergehende Tics sind im Grundschulalter sehr häufig – bis zu 15 Prozent aller Kinder zeigen sie irgendwann. Chronische Tic-Störungen betreffen etwa 3 bis 4 Prozent, das Tourette-Syndrom etwa 1 Prozent der Kinder und Jugendlichen. Jungen sind deutlich häufiger betroffen als Mädchen.
Tics beginnen meist im Alter von 4 bis 8 Jahren, oft mit einfachen motorischen Tics im Gesicht. Die stärkste Ausprägung liegt typischerweise zwischen 10 und 12 Jahren. Danach ist die Prognose günstig: Bei der großen Mehrheit der Betroffenen gehen die Tics im Jugend- und frühen Erwachsenenalter deutlich zurück oder verschwinden ganz.
Häufig treten Tic-Störungen gemeinsam mit anderen Störungen auf, vor allem mit ADHS und Zwangsstörungen. Oft beeinträchtigen diese Begleitstörungen den Alltag stärker als die Tics selbst – dann werden sie vorrangig behandelt.
Tic-Störungen sind neurobiologisch begründete Störungen. Erziehungsfehler oder seelische Konflikte sind nicht die Ursache – diese Entlastung ist für viele Familien eine wichtige Botschaft. Zu den Faktoren gehören:
Am Anfang jeder Behandlung steht die ausführliche Information von Kind, Eltern und – mit Einverständnis – auch der Schule. Viele Belastungen entstehen nicht durch die Tics selbst, sondern durch den Umgang des Umfelds damit: Ermahnungen ("Hör auf damit!"), ständiges Beobachten oder Hänseleien. Wichtige Grundsätze:
Wenn Tics Leidensdruck verursachen, ist das Habit-Reversal-Training (Training zur Umkehr der Gewohnheit) die verhaltenstherapeutische Methode der Wahl. Es ist der Kernbaustein des Programms CBIT (Comprehensive Behavioral Intervention for Tics) und läuft in Schritten ab:
Ergänzend werden Entspannungsverfahren und ein Umgang mit tic-verstärkenden Situationen (Stressmanagement) erarbeitet. Auch die Exposition mit Reaktionsverhinderung – das Aushalten des Vorgefühls, ohne den Tic auszuführen – ist eine wirksame Methode.
Bei stark ausgeprägten Tics, die trotz Verhaltenstherapie erheblich beeinträchtigen, kann eine medikamentöse Behandlung (z.B. mit Tiaprid oder Aripiprazol) erwogen werden. Die Verordnung und Kontrolle erfolgt durch Fachärzt*innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Ratgeber Tics. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher (M. Döpfner, K. Adam, V. Roessner)
Turbo-Tommy. Ein Bilderbuch für Kinder mit Tic-Störungen (Tourette-Gesellschaft Deutschland – Informationsmaterialien unter tourette-gesellschaft.de)
Leitlinie Tic-Störungen (AWMF 028-011)
Tic-Störungen: Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie (M. Döpfner, V. Roessner, A. Rothenberger, K. J. Neumärker)
Therapieprogramm für Kinder und Jugendliche mit Tic-Störungen (THICS) (K. Woitecki, M. Döpfner)