Dieser Artikel vertieft die Posttraumatische Belastungsstörung. Einen Überblick über alle Traumafolge- und Belastungsstörungen (einschließlich Anpassungsstörung und akuter Belastungsreaktion) sowie über Traumaambulanzen finden Sie im Artikel Traumafolge- und Belastungsstörungen.
Ein Trauma im medizinischen Sinn ist ein Ereignis von außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalem Ausmaß: z.B. Unfälle, Gewalt, sexueller Missbrauch, das Miterleben häuslicher Gewalt, Krieg und Flucht, der plötzliche Verlust einer Bezugsperson oder schwere medizinische Eingriffe. Nicht jedes belastende Ereignis (Umzug, Trennung der Eltern, Mobbing) ist ein Trauma in diesem Sinn – und umgekehrt entwickelt längst nicht jedes Kind nach einem Trauma eine PTBS. Viele Kinder erholen sich mit Unterstützung ihres Umfelds von selbst.
Die PTBS entwickelt sich innerhalb von Wochen bis Monaten nach dem Ereignis. Drei Symptomgruppen kennzeichnen sie:
Bei Kindern und Jugendlichen kommen häufig hinzu: neue Ängste (z.B. Trennungsangst), körperliche Beschwerden (Bauch-, Kopfschmerzen), Rückschritte in der Entwicklung (wieder Einnässen, Babysprache), Schuldgefühle ("Ich hätte etwas tun müssen") und ein verändertes Bild von sich und der Welt ("Die Welt ist gefährlich", "Mit mir stimmt etwas nicht"). Nach lang andauernden oder wiederholten Traumata (z.B. Misshandlung, Missbrauch) kann eine komplexe PTBS entstehen, bei der zusätzlich die Gefühlsregulation, das Selbstbild und Beziehungen tiefgreifend beeinträchtigt sind.
Die Mehrheit der Jugendlichen hat bis zum 18. Lebensjahr mindestens ein potenziell traumatisches Ereignis erlebt. Eine PTBS entwickeln davon deutlich weniger – die Häufigkeit im Jugendalter liegt bei etwa 1 bis 2 Prozent, nach schweren interpersonellen Traumata (Gewalt, Missbrauch) jedoch erheblich höher. Risikofaktoren sind u.a. die Schwere und Dauer des Traumas, von Menschen verursachte Traumata, fehlende Unterstützung nach dem Ereignis und frühere Belastungen.
Traumatische Erinnerungen werden anders gespeichert als normale Erinnerungen: bruchstückhaft, sinnesnah (Bilder, Geräusche, Gerüche, Körperempfindungen) und ohne richtige Einordnung in Ort und Zeit. Deshalb können Auslösereize (ein Geruch, ein Geräusch, eine Berührung) die Erinnerung ungewollt "anschalten" – und sie fühlt sich an, als geschehe die Gefahr jetzt.
Aufrechterhalten wird die Störung – ähnlich wie bei den Angststörungen – vor allem durch Vermeidung: Wer alle Erinnerungen an das Ereignis meidet, verschafft sich kurzfristig Erleichterung (negative Verstärkung). Langfristig verhindert die Vermeidung aber, dass die Erinnerung verarbeitet, geordnet und als vergangen abgespeichert werden kann – und dass ungünstige Bewertungen ("Ich bin schuld", "Nirgends ist es sicher") korrigiert werden. Das Trauma bleibt eine offene Wunde statt einer Narbe.
Die Behandlung mit der besten Wirksamkeitsevidenz im Kindes- und Jugendalter ist die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie (Tf-KVT), die die Bezugspersonen systematisch einbezieht:
Ebenfalls wirksam ist EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) für Kinder und Jugendliche. Wichtig für Eltern: Über das Trauma zu sprechen schadet dem Kind nicht – im geschützten therapeutischen Rahmen ist es der Weg zur Heilung. Nach akuten Traumata und bei Gewalttaten bieten Traumaambulanzen schnelle Hilfe.
Ratgeber Traumatische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher (R. Steil, R. Rosner)
Der Riss in meiner Welt. Hilfen für traumatisierte Kinder und Jugendliche (T. Hensel)
S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung (AWMF 155-001)
Traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie bei Kindern und Jugendlichen (J. A. Cohen, A. P. Mannarino, E. Deblinger)
Posttraumatische Belastungsstörung: Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie (R. Steil, R. Rosner)