Kinder mit selektivem (elektivem) Mutismus sprechen in bestimmten Situationen konsequent nicht – typischerweise in der Kita oder Schule und gegenüber fremden Personen – obwohl sie in anderen Situationen normal sprechen, meist zu Hause mit der engsten Familie. Das Schweigen ist dabei kein Trotz und keine Verweigerung, sondern Ausdruck einer starken Angst: In der gefürchteten Situation "schnürt es die Kehle zu".
Abzugrenzen sind: normale Schüchternheit und eine ruhige Eingewöhnungsphase (verschwinden nach Wochen von selbst), Sprachentwicklungsstörungen, das anfängliche Schweigen beim Erlernen einer Zweitsprache bei Kindern mit Migrationsgeschichte sowie Autismus-Spektrum-Störungen (bei denen die Kommunikation situationsübergreifend verändert ist). Der selektive Mutismus wird heute als eng verwandt mit der sozialen Angststörung verstanden – viele betroffene Kinder erfüllen beide Diagnosen.
Selektiver Mutismus ist selten: Er betrifft unter 1 Prozent der Kinder, Mädchen etwas häufiger als Jungen. Der Beginn liegt meist im Alter von 2 bis 4 Jahren, auffällig wird das Schweigen aber oft erst mit Eintritt in Kita oder Schule. Ohne Behandlung kann sich das Schweigen über Jahre verfestigen – eine frühe Behandlung verbessert die Prognose deutlich.
Sprechen-Sollen löst bei dem Kind starke Angst aus. Schweigt es, geschieht zweierlei: Die Angst sinkt (negative Verstärkung des Schweigens), und das Umfeld springt ein – Eltern antworten für das Kind, Erzieher*innen stellen nur noch Ja-Nein-Fragen, Mitschüler*innen "übersetzen". Diese gut gemeinte Entlastung nimmt dem Kind jede Notwendigkeit und jede Gelegenheit zu sprechen – und mit der Zeit festigt sich die Rolle: "Das ist das Kind, das nicht spricht." Aufmerksamkeit und Sonderbehandlung können das Schweigen zusätzlich verstärken. Je länger das Schweigen dauert, desto größer wird zudem die Hürde, es zu brechen ("Alle würden sich wundern, wenn ich jetzt plötzlich rede").
Die Behandlung folgt den Prinzipien der Angstbehandlung: gestufte Annäherung an das Sprechen statt Druck. Bewährte Bausteine:
Ratgeber Selektiver Mutismus. Wenn Kinder schweigen (A. Katz-Bernstein-orientierte Elternratgeber; z.B. C. M. Schwenck, A. Gensthaler: Selektiver Mutismus bei Kindern und Jugendlichen – mit Elternteil)
Schweigende Kinder verstehen und begleiten (N. Katz-Bernstein)
Der selektive Mutismus wird in der Leitlinie Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen (AWMF 028-022) mitbehandelt.
Selektiver Mutismus bei Kindern und Jugendlichen: Das Therapieprogramm DortMuT (C. Schwenck, A. Gensthaler)
Selektiver Mutismus: Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie (B. Hartmann, M. Lange)