Was ist Emetophobie?

Die Emetophobie ist eine spezifische Phobie: die ausgeprägte, anhaltende Angst vor dem Erbrechen. Gefürchtet wird – je nach Person unterschiedlich – das eigene Erbrechen, das Beobachten anderer beim Erbrechen oder beides. Anders als bei vielen anderen Phobien richtet sich die Angst nicht auf ein äußeres Objekt, sondern auf einen körperlichen Vorgang, der nicht vollständig kontrollierbar ist. Genau das macht die Emetophobie so belastend: Die gefürchtete Situation kann theoretisch jederzeit eintreten.

Symptomatik

Häufigkeit

Genaue Zahlen für das Kindes- und Jugendalter fehlen; Schätzungen für die Punktprävalenz liegen im Bereich von einem halben bis mehreren Prozent. Mädchen und junge Frauen sind deutlich häufiger betroffen. Die Störung beginnt oft im Kindesalter – häufig nach einem einschneidenden Erlebnis mit Erbrechen (eigene Magen-Darm-Erkrankung, Beobachten eines Erbrechens in der Schule) – und verläuft unbehandelt oft chronisch.

Verhaltenstherapeutisches Modell

Der Teufelskreis der Emetophobie

Die Aufrechterhaltung lässt sich als mehrfacher Teufelskreis beschreiben:

  1. Angst erzeugt Übelkeit: Angst aktiviert das vegetative Nervensystem – und dazu gehören Magensymptome. Die angstbedingte Übelkeit wird als Beweis gewertet, dass das Erbrechen bevorsteht. Die Angst steigt weiter, die Übelkeit auch.
  2. Vermeidung konserviert die Angst: Wer Kantine, Bus und Partys meidet, erlebt kurzfristig Erleichterung, kann aber nie erfahren, dass nichts passiert wäre. Das Vermeidungsverhalten dehnt sich schleichend aus, das Leben wird immer enger.
  3. Sicherheitsverhalten verhindert Entwarnung: Bleibt das Erbrechen aus, wird der Erfolg dem Sicherheitsverhalten zugeschrieben ("Nur weil ich nichts gegessen habe, ist nichts passiert") – nicht der Tatsache, dass die Gefahr überschätzt wurde.

Hinzu kommt eine massive Überschätzung der Wahrscheinlichkeit und der "Schlimmheit" des Erbrechens. Tatsächlich erbrechen gesunde Menschen sehr selten, und der Vorgang selbst ist kurz und ungefährlich – ein Schutzreflex des Körpers.

Darauf aufbauende Behandlung

  1. Psychoedukation: Vermittlung des Teufelskreis-Modells; Wissen über die tatsächliche Funktion und Seltenheit des Erbrechens; Verständnis, dass Übelkeit ein Angstsymptom ist und kein zuverlässiger Vorbote.
  2. Abbau von Sicherheits- und Vermeidungsverhalten: schrittweise und geplant – wieder in der Kantine essen, "riskante" Lebensmittel wieder einführen, Rückversicherungsfragen reduzieren (mit den Eltern abgesprochen).
  3. Exposition: gestufte Konfrontation mit gefürchteten Reizen – Wörter und Bilder, Filme, Geräusche, Übelkeitsempfindungen selbst herbeiführen (interozeptive Exposition, z.B. Drehstuhl), Aufsuchen gemiedener Orte. Ziel ist die Erfahrung: Ich kann die Angst und die Übelkeit aushalten, sie gehen vorbei, und das Befürchtete tritt nicht ein.
  4. Kognitive Methoden: Überprüfung der Wahrscheinlichkeits- und Katastrophenbewertungen; Aufbau einer akzeptierenden Haltung ("Erbrechen ist eklig, aber nicht gefährlich – und ich muss es nicht zu 100 Prozent ausschließen können").
  5. Elternarbeit: Eltern lernen, nicht mehr an der Vermeidung mitzuwirken (keine Extra-Mahlzeiten, keine Dauer-Rückversicherung), sondern mutiges Verhalten zu verstärken.

Wichtig: Ziel der Behandlung ist nicht, dass die Patient*innen erbrechen müssen. Ziel ist ein Leben, das nicht mehr von der Angst regiert wird.

Bücher und Ratgeber für Patient*innen und Angehörige

Emetophobie – Die Angst vor dem Erbrechen verstehen und überwinden. Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige (A. Hunger-Schoppe u.a.)

Für Patient*innen der Praxis steht im Patientenbereich ein ausführlicher Emetophobie-Ratgeber zur Verfügung.

Leitlinie für Behandler*innen

Leitlinie Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen (AWMF 028-022)

Fachliteratur für Psychotherapeut*innen

Emetophobie. Ein Therapiemanual (S. Schnell, A. Hunger-Schoppe)

Expositionsbasierte Therapie der Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen (S. Schneider, T. In-Albon)

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