Normale Trennungsangst und Störung

Angst bei Trennung von den Eltern ist zunächst keine Krankheit, sondern ein normaler und sinnvoller Teil der Entwicklung: Etwa ab dem 8. Lebensmonat "fremdeln" Babys, im Kleinkindalter sind Trennungsproteste beim Abschied in der Kita normal. Diese Ängste nehmen üblicherweise mit dem Alter ab.

Von einer emotionalen Störung mit Trennungsangst des Kindesalters (ICD-10) spricht man, wenn die Angst vor Trennung von den wichtigsten Bezugspersonen deutlich stärker ist, als es dem Entwicklungsalter entspricht, wenn sie mindestens vier Wochen anhält und den Alltag erheblich beeinträchtigt.

Symptomatik

Typisch ist, dass die körperlichen Beschwerden vor allem an Schultagen morgens auftreten und an Wochenenden oder in den Ferien fehlen. Sie sind nicht simuliert – die Angst löst tatsächlich körperliche Reaktionen aus.

Häufigkeit

Die Störung mit Trennungsangst ist die häufigste Angststörung des Kindesalters. Etwa 2 bis 4 Prozent der Kinder sind betroffen, Mädchen etwas häufiger als Jungen. Der Beginn liegt meist zwischen dem 7. und 9. Lebensjahr, oft nach einem Auslöser wie Krankheit, Umzug, Einschulung oder Trennungserlebnissen in der Familie. Unbehandelt erhöht die Störung das Risiko für spätere Angststörungen und Depressionen.

Ursachen

Verhaltenstherapeutisches Modell

Der Teufelskreis der Vermeidung

Im Zentrum des verhaltenstherapeutischen Modells steht die negative Verstärkung durch Vermeidung: Steht eine Trennung bevor, steigen Angst und körperliche Beschwerden. Wird die Trennung daraufhin abgesagt (das Kind bleibt zu Hause, die Mutter bleibt beim Einschlafen dabei), sinkt die Angst sofort. Diese schnelle Erleichterung wirkt wie eine Belohnung – für das Kind und für die Eltern, die ihr Kind ungern leiden sehen. Die Folge: Beim nächsten Mal wird noch früher vermieden.

Durch die Vermeidung kann das Kind jedoch nie die korrigierende Erfahrung machen, dass es die Trennung bewältigen kann und dass den Eltern nichts zustößt. Die Angst bleibt bestehen und weitet sich häufig aus. Gut gemeinte elterliche Schonung hält die Störung so ungewollt aufrecht.

Darauf aufbauende Behandlung

  1. Psychoedukation für Kind und Eltern: Wie funktioniert Angst? Warum hält Vermeidung die Angst am Leben? Das Angstmodell wird kindgerecht erarbeitet.
  2. Gestufte Konfrontation: Gemeinsam wird eine "Mutleiter" erstellt – vom Leichten zum Schweren (z.B. 10 Minuten allein im Zimmer spielen → allein bei den Großeltern bleiben → allein einschlafen → bei einer Freundin übernachten). Die Stufen werden geplant geübt; Erfolge werden konsequent gelobt und belohnt.
  3. Kognitive Methoden: Angstgedanken ("Mama hat bestimmt einen Unfall") werden identifiziert und durch hilfreiche Gedanken ("Mama war schon hundertmal einkaufen und ist immer zurückgekommen") ersetzt; Mutsätze werden eingeübt.
  4. Elternarbeit als zentraler Baustein: Die Eltern lernen, Zuwendung nicht an die Angst zu koppeln, sondern mutiges Verhalten zu beachten und zu verstärken, klare und verlässliche Abschiedsrituale einzuhalten (kurz, freundlich, ohne Zurückkommen) und eigene Ängste zu reflektieren.
  5. Bei Schulvermeidung: rasche, gestufte Rückführung in die Schule in enger Absprache mit der Schule – je länger die Abwesenheit dauert, desto schwerer wird die Rückkehr.

Bücher und Ratgeber für Patient*innen und Angehörige

Ratgeber Trennungsangst. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher (S. Schneider, K. Blatter-Meunier)

Nur Mut! Das kleine Buch der Lebenskunst. Wie Kinder Ängste überwinden (H. Kraft)

Leitlinie für Behandler*innen

Leitlinie Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen (AWMF 028-022)

Fachliteratur für Psychotherapeut*innen

Trennungsangstprogramm TAFF – Therapie der Trennungsangst bei Kindern (S. Schneider, K. Blatter-Meunier)

Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen (S. Schneider)

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