Männlichkeit ist keine feststehende Eigenschaft, sondern ein Konstrukt: ein Bündel gesellschaftlicher Vorstellungen davon, wie Jungen und Männer angeblich zu sein haben. Solche Rollenbilder sind nicht automatisch schlecht – problematisch werden sie, wenn sie zu starren Verhaltensregeln erstarren. Dann können sie erhebliche Nachteile und echtes Leid verursachen:
Gerade in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen ist das wichtig: Hinter „Verhaltensproblemen“, Reizbarkeit oder Rückzug bei Jungen steckt nicht selten ein erschwerter Zugang zur eigenen Gefühlswelt. Auch depressive Erkrankungen zeigen sich bei Jungen und Männern häufiger „maskiert“ – etwa durch Gereiztheit, Risikoverhalten oder Substanzkonsum – und werden deshalb später erkannt und seltener behandelt.
Grundlage dieser Seite ist das Buch „Männerseelen. Ein psychologischer Reiseführer“ des Psychotherapeuten und Männerberaters Björn Süfke.
Süfke beschreibt mit dem Begriff „Gendering“ all jene kleinen und großen Alltäglichkeiten, durch die Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit sozial konstruiert und immer tiefer in unser Denken und Wahrnehmen „eingraviert“ werden. Dabei gilt: nicht Anlage oder Umwelt, sondern Anlage und Umwelt – biologische Unterschiede existieren, aber welche Bedeutung sie bekommen und welche Verhaltensweisen Jungen zugestanden werden, ist gesellschaftlich geformt.
Dass „Geschlecht“ ohnehin kein einfaches Entweder-oder ist, sondern mehrere Ebenen umfasst – genetisch, hormonell, körperlich und als empfundene Zugehörigkeit –, beschreibt der Ratgeber Gender. Auch die Weltgesundheitsorganisation versteht Gender ausdrücklich als soziales Konstrukt: Was es bedeutet, ein Mann oder eine Frau zu sein, unterscheidet sich je nach Kultur und Zeit.
In der frühen Kindheit erschweren nach Süfke vor allem drei Prozesse Jungen den Zugang zur eigenen Innenwelt:
Aus dieser Sozialisation entwickelt sich nach Süfke in vier Etappen eine typische – nicht bei jedem Mann gleiche! – Problemlage:
Gefühle sind kein Luxus, sondern ein inneres Navigationssystem. Süfke fasst zusammen: Ohne Gefühlswahrnehmung keine Bedürfnisbefriedigung, keine sinnvolle Handlungsplanung – und keine psychische Gesundheit. Er stützt sich dabei u. a. auf Carl Rogers: Psychisches Wohlergehen hängt davon ab, wie gut unser Bewusstsein mit den eigenen inneren Impulsen (Gefühlen, Bedürfnissen, Wünschen) übereinstimmt – Rogers nennt das Kongruenz. Dauerhafte Unterdrückung von Gefühlen macht auf lange Sicht krank; das deckt sich mit dem verhaltenstherapeutischen Verständnis von Emotionsregulation.
Süfke beschreibt „Sitten und Gebräuche“, mit denen unangenehme Gefühle auf Distanz gehalten werden. Viele davon wirken im Alltag zunächst unauffällig oder sogar erwünscht:
Wichtig: Es geht nicht darum, Männlichkeit abzuwerten. Süfke widmet den Stärken ein eigenes Kapitel: Humor als Emotionsregulation, Selbstbehauptung, Rationalität und Handlungsorientierung sind wertvolle Ressourcen – solange sie flexibel eingesetzt werden können und nicht als starre Abwehr dienen müssen. Problematisch ist nie das „Männliche“ an sich, sondern die Starrheit des Rollenbildes.
Zu den Mustern, die sich dysfunktional auswirken können, gehört häufig auch ein ausgeprägtes Dominanzstreben – und damit verbunden die Abwehr all dessen, was als „schwach“ gilt: Unsicherheit, Angst, Bedürftigkeit, Tränen, das Bitten um Hilfe. Härte wird zum Schutzpanzer gegen die dahinterliegende Angst vor Kontrollverlust: Wer nichts an sich heranlässt, muss nicht spüren, wie verletzlich er eigentlich ist. Kurzfristig vermittelt das ein Gefühl von Stärke und Sicherheit – langfristig verhindert es genau das, was psychisch stabil macht: Nähe, Unterstützung und die Verarbeitung belastender Erfahrungen. Dominanz ist in diesem Sinne oft keine Stärke, sondern eine Abwehrstrategie.
Diese Logik endet nicht beim Einzelnen, sondern setzt sich in gesellschaftlichen Maßstäben fort: Erfolg wird vor allem über Wettbewerb und Durchsetzung definiert, während Fürsorge – Erziehen, Pflegen, Beziehungsarbeit – als weniger wertvoll gilt und entsprechend geringer anerkannt wird. Genau darin zeigt sich das, was oft als „patriarchal“ beschrieben wird: eine Ordnung, die Dominanz belohnt und Verletzlichkeit abwertet. Jungen wachsen also nicht nur in einer Familie auf, sondern in eine Gesellschaft hinein, die diese Rollenerwartungen immer wieder bestätigt – umso wichtiger ist es, sie als veränderbares Konstrukt zu erkennen: Sie sind gemacht, nicht naturgegeben, und damit auch veränderbar.
Veränderung beginnt meist damit, dass die Folgen sichtbar werden – oft zuerst in Beziehungen. Süfke beschreibt den Weg zu sich selbst als Etappen: das Erkennen der (Beziehungs-)Probleme, die „liebevolle Konfrontation“, das Entdecken der Gefühle in einem geschützten Rahmen („beschützte Hilflosigkeit“) und schließlich die Entwicklung gefühlsorientierter Bewältigungsstrategien. Das Prinzip lässt sich in zwei Begriffsketten gegenüberstellen – so kommen viele in die Therapie:
… und so kann es stattdessen gelingen:
Im therapeutischen, nicht gefühlsabwehrenden Gespräch werden eigene Gefühle und Wünsche erst identifiziert, dann abgewogen – daraus entsteht ein echtes Wollen, das ins Handeln führt.
In Krisen: Bei akuter Suizidalität den Notruf 112 wählen. Jederzeit erreichbar sind außerdem die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) und die Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche (116 111).
Verständlich und humorvoll geschrieben – geeignet für Jugendliche ab dem späteren Jugendalter, Eltern und alle, die Männer besser verstehen wollen.
Ein langes, persönliches Gespräch über Männer und Gefühle – ein guter, niedrigschwelliger Einstieg ins Thema.
Weitere passende Ratgeber auf dieser Website: Gender, Depression und die Übersicht Therapie-Wissen.