Kennzeichen der Binge-Eating-Störung sind wiederkehrende Essanfälle: In einem begrenzten Zeitraum wird eine Nahrungsmenge gegessen, die deutlich größer ist, als die meisten Menschen unter vergleichbaren Umständen essen würden – verbunden mit dem Gefühl des Kontrollverlusts ("Ich kann nicht mehr aufhören"). Typische Merkmale der Essanfälle sind:
Der entscheidende Unterschied zur Bulimia nervosa: Es werden keine regelmäßigen Gegenmaßnahmen ergriffen (kein selbst herbeigeführtes Erbrechen, kein Abführmittelmissbrauch, kein exzessiver Sport, kein Fasten). Deshalb geht die Binge-Eating-Störung häufig – aber nicht immer – mit Übergewicht einher. Wichtig ist die Unterscheidung: Übergewicht allein ist keine psychische Störung, und nicht alle Menschen mit Übergewicht haben Essanfälle.
Für die Diagnose (nach DSM-5; im ICD-10 wird die Störung unter "nicht näher bezeichnete Essstörungen" gefasst, im neueren ICD-11 ist sie eine eigene Diagnose) müssen die Essanfälle im Durchschnitt mindestens einmal pro Woche über drei Monate auftreten und deutlichen Leidensdruck verursachen.
Die Binge-Eating-Störung ist die häufigste Essstörung überhaupt. Bei Jugendlichen liegt die Häufigkeit bei etwa 1 bis 3 Prozent; das Gefühl von Kontrollverlust beim Essen ohne das Vollbild der Störung ist noch deutlich verbreiteter. Anders als bei Anorexie und Bulimie ist der Anteil männlicher Betroffener vergleichsweise hoch. Die Störung beginnt oft in der Adoleszenz, häufig im Zusammenhang mit Diäten.
Im Zentrum steht ein sich selbst verstärkender Kreislauf:
Essen erfüllt in diesem Modell eine Funktion: Es reguliert – kurzfristig sehr wirksam – unangenehme Gefühle. Solange keine anderen Strategien der Gefühlsregulation verfügbar sind, bleibt der Essanfall die naheliegendste Lösung.
Die kognitive Verhaltenstherapie ist die Behandlung mit der besten Wirksamkeitsevidenz:
Eine Gewichtsabnahme ist nicht das vorrangige Therapieziel – zuerst wird das Essverhalten stabilisiert. Strenge Diäten sind kontraindiziert, weil sie den Teufelskreis erneut anstoßen. Bei bestehendem Übergewicht kann nach Besserung der Essstörung eine langfristige, moderate Lebensstiländerung sinnvoll sein, ggf. mit ärztlicher Begleitung.
Ratgeber Essanfälle. Informationen zur Binge-Eating-Störung für Betroffene und Angehörige (S. Munsch)
Essanfälle adé. Ein Selbsthilfeprogramm (C. G. Fairburn)
S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen (AWMF 051-026) – mit Patientenleitlinie
Binge Eating und Binge-Eating-Störung (S. Munsch, A. Hilbert)
Kognitive Verhaltenstherapie und Essstörungen (C. G. Fairburn)