Diese Seite richtet sich an Eltern und Bezugspersonen, deren Kind in meiner Praxis behandelt wird und neben einer ADHS an der DBT-A-Skillsgruppe teilnimmt. Was ADHS ist und wie sie behandelt wird, steht auf der Seite ADHS; wie das Skillstraining aufgebaut ist, unter SkillsTraining.
Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) wurde für Menschen entwickelt, deren Gefühle sehr schnell und sehr stark werden und die dann Dinge tun, die ihnen schaden. Viele Jugendliche mit ADHS kennen genau das: Ärger schießt hoch, ein Satz ist schneller gesagt als gedacht, eine Tür knallt, eine Nachricht ist abgeschickt. Hinzu kommen oft Stimmungsschwankungen, ein niedriges Selbstwertgefühl nach Jahren voller Kritik und Streit in der Familie.
Eine Freiburger Arbeitsgruppe um Bernd Hesslinger und Alexandra Philipsen hat deshalb schon vor über zwanzig Jahren ein Gruppenprogramm für Erwachsene mit ADHS auf Grundlage der DBT entwickelt. Die Module der DBT lassen sich gut auf die Schwierigkeiten bei ADHS übertragen:
Ihr Kind lernt in der Gruppe also dieselben Skills wie die anderen Jugendlichen. Es braucht dafür aber einige Anpassungen.
Bei vielen Jugendlichen in der DBT-Gruppe steht ein starkes Gefühl am Anfang, und das Verhalten folgt daraus. Bei ADHS ist es oft umgekehrt: Die Handlung kommt zuerst, das Gefühl und die Einsicht danach. Deshalb üben Jugendliche mit ADHS zusätzlich eine sehr einfache Bremse: Stopp – Denken – Prüfen – Tun. Ein Stoppsignal, ein paar Sekunden Abstand, dann erst handeln.
Bei ADHS fehlt selten das Wissen, was zu tun wäre, sondern die Fähigkeit, im richtigen Moment daran zu denken. Wer mit ADHS lebt, kann sich auf seinen Willen schlecht verlassen. Deshalb arbeiten wir mit Hilfen von außen: Wecker, Kalender, Listen, feste Abläufe, Aufgaben in kleinen Schritten, das Handy in einem anderen Raum. Das ist kein Schummeln, sondern genau die richtige Strategie.
Im geschützten Patientenbereich gibt es für Jugendliche mit ADHS eine eigene ADHS-Spur: zu jedem Modul der Gruppe passende Blätter, zum Beispiel zu Wutwarnzeichen, zum Stopp-Prinzip im Alltag, zu Zeitfressern oder zum Anfangen statt Aufschieben. Auch auf der täglichen Tagebuchkarte können ADHS-spezifische Skills eingetragen werden.
Lange still sitzen und atmen ist mit ADHS oft eine Qual. Abschweifen ist bei jeder Achtsamkeitsübung normal; geübt wird, es zu bemerken und freundlich zurückzukommen. Zusätzlich gibt es Übungen mit Bewegung, die nur gelingen, wenn man ganz bei der Sache ist, etwa Balancieren, Jonglieren oder einen Ball mit der anderen Hand fangen.
Die tägliche Tagebuchkarte (diary card) ist das Steuerungsinstrument der DBT. Für Jugendliche mit ADHS ist sie eine echte Hürde, weil sie jeden Tag daran denken müssen. Eine Erinnerung im Handy zu einer festen Uhrzeit, gekoppelt an einen Ablauf wie das Zähneputzen am Abend, hilft deutlich mehr als Ermahnungen.
Medikamente gegen ADHS können die Selbststeuerung deutlich verbessern und machen es vielen Jugendlichen leichter, in der Gruppe mitzuarbeiten. Sie ersetzen aber das Üben nicht, und sie wirken nur, solange sie genommen werden. Wenn Ihr Kind Medikamente nimmt, kann es die Einnahme mit Uhrzeit in der Tagebuchkarte festhalten. Ob und welche Medikamente passen, entscheiden Sie gemeinsam mit einer Fachärztin oder einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Jugendliche mit ADHS haben ein höheres Risiko, mit Alkohol, Cannabis oder anderen Mitteln „runterzukommen", und sie rutschen nach Jahren voller Misserfolge leichter in eine Depression. Beides sprechen wir in der Therapie offen an. Für die Gruppe gelten dieselben Regeln wie für alle: regelmäßig kommen, die Tagebuchkarte führen, Hausaufgaben versuchen. Wenn das trotz Hilfen von außen dauerhaft nicht gelingt, besprechen wir gemeinsam, ob gerade ein anderes Angebot besser passt.
Bei akuter Suizidalität – wenn jemand daran denkt, sich das Leben zu nehmen, und nicht sicher ist, ob er oder sie das Handeln noch unter Kontrolle hat – nicht warten und keinen Termin suchen: Notruf 112 wählen oder sofort die nächste Rettungsstelle oder Notaufnahme eines Krankenhauses aufsuchen, am besten einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Das gilt rund um die Uhr, auch nachts und am Wochenende.
Zum Reden, wenn es nicht so akut ist: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 (rund um die Uhr, anonym und kostenlos) · krisenchat.de (Chat für Menschen unter 25, rund um die Uhr) · Nummer gegen Kummer 116 111 (Kinder- und Jugendtelefon, Montag bis Samstag 14 bis 20 Uhr).
Hesslinger, B., Philipsen, A. & Richter, H. (2004). Psychotherapie der ADHS im Erwachsenenalter. Ein Arbeitsbuch. Göttingen: Hogrefe.
Kirsch, P. & Haible-Baer, N. (2024). Therapie-Tools ADHS im Erwachsenenalter (2. Aufl.). Weinheim: Beltz.
von Auer, A. K. & Bohus, M. (Hrsg.) (2017). Interaktives Skillstraining für Jugendliche mit Problemen der Gefühlsregulation (DBT-A). Stuttgart: Schattauer.
Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen der AWMF