Viele Eltern fragen mich, ob ihr Kind ADHS hat. Manche haben gehört, das könne nur eine Klinik oder eine Fachärztin feststellen. Das stimmt nicht. Auf dieser Seite erkläre ich, wie ich eine ADHS-Diagnostik durchführe, welche Regeln dafür gelten und warum das Ergebnis so verlässlich ist wie das einer anderen Fachstelle. Allgemeines zum Störungsbild steht auf der Seite ADHS.

Wer eine ADHS feststellen darf

Die deutsche Leitlinie zu ADHS legt fest, wer bei Kindern und Jugendlichen die Diagnose stellt. Genannt werden vier Berufsgruppen gleichrangig:

Ich bin Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut (Verhaltenstherapie) mit Kassenzulassung. Die ADHS-Diagnostik gehört damit zu meinem Fachgebiet. Eine zusätzliche Untersuchung in einer Klinik oder in einer Psychiatrischen Institutsambulanz ist für die Diagnose nicht nötig.

Ein Teil gehört in ärztliche Hände: die körperliche und neurologische Untersuchung. Die Leitlinie sieht vor, dass sie zusätzlich von einer Ärztin oder einem Arzt gemacht wird, wenn eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut die Diagnose stellt. Dafür schreibe ich Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt eine Überweisung mit einem genauen Auftrag. Medikamente verordnen Ärztinnen und Ärzte; ich liefere ihnen dafür den Befund.

Worauf ich mich stütze

Grundlage ist die S3-Leitlinie „ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF, Registernummer 028-045). S3 ist die höchste Qualitätsstufe einer Leitlinie: Die Empfehlungen beruhen auf einer systematischen Auswertung der Forschung und wurden von zahlreichen Fachgesellschaften und Berufsverbänden gemeinsam abgestimmt. Eine überarbeitete Fassung wurde 2026 zur Kommentierung vorgelegt; bis sie veröffentlicht ist, gilt die Fassung von 2018.

Für das praktische Vorgehen arbeite ich nach dem Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten (THOP) von Döpfner, Schürmann und Frölich. Es ist das Standardwerk für Diagnostik und Behandlung von ADHS im Kindesalter in Deutschland; die Leitlinie bewertet seinen Wirksamkeitsnachweis mit „sehr gut“. Aus THOP stammen die Gesprächsleitfäden und Elternfragebögen, mit denen ich arbeite.

Der Ablauf in fünf Schritten

Eine ADHS-Diagnostik braucht in der Regel drei bis fünf Termine. Das ist nicht Umständlichkeit: Eine ADHS zeigt sich in mehreren Lebensbereichen und über längere Zeit, und das lässt sich in einem einzigen Gespräch nicht prüfen.

  1. Erstes Gespräch mit Ihnen und Ihrem Kind. Sie schildern, was Ihnen Sorgen macht, und Ihr Kind schildert es aus seiner Sicht. Einen Teil der Zeit verbringe ich mit Ihrem Kind allein, damit es nicht nur zuhört, wie über seine Schwierigkeiten gesprochen wird. Ich frage auch, bei welchen Stellen Sie wegen der Schwierigkeiten schon waren.
  2. Fragebögen für Sie und für die Schule. Sie und, wenn möglich, der andere Elternteil füllen Fragebögen aus, einige davon online. Die Klassenlehrerin oder der Klassenlehrer bekommt ebenfalls Fragebögen. Dafür brauche ich Ihre schriftliche Einwilligung.
  3. Ausführliches Gespräch mit Ihnen ohne Ihr Kind. Anhand eines strukturierten Interviews gehe ich jedes einzelne Merkmal der ADHS und des Sozialverhaltens durch, dazu typische Alltagssituationen (Aufstehen, Mahlzeiten, Hausaufgaben, Zubettgehen), die Entwicklung seit der Schwangerschaft, frühere Hilfen und die Belastungen der Familie.
  4. Ein Termin mit Ihrem Kind. Ich beobachte, wie Ihr Kind arbeitet, zum Beispiel bei Aufgaben oder bei den eigenen Hausaufgaben unter guten Bedingungen. Wenn eine Frage zur Begabung oder zum Lesen und Schreiben offen ist, mache ich einen passenden Test. Jugendliche ab etwa elf Jahren füllen eigene Fragebögen aus.
  5. Rückmeldung. Ich führe alle Informationen zusammen und bespreche das Ergebnis mit Ihnen und Ihrem Kind: ob eine ADHS vorliegt, wie stark sie ausgeprägt ist, was sonst eine Rolle spielt und was jetzt hilft. Sie erhalten das Ergebnis und die Empfehlungen schriftlich.

Woher die Informationen kommen

Die Leitlinie verlangt, dass die Diagnose auf mehreren Quellen beruht. Ich verbinde:

Entscheidend ist, ob die Merkmale seit mindestens sechs Monaten bestehen, ob sie schon früh in der Kindheit begonnen haben, ob sie in mehreren Lebensbereichen auftreten (zum Beispiel in der Familie und in der Schule) und ob sie das Leben Ihres Kindes deutlich beeinträchtigen. Zeigen sich die Schwierigkeiten nur zu Hause oder nur in der Schule, spricht das eher für eine andere Erklärung.

Was Tests können und was nicht

Viele Eltern erwarten einen „ADHS-Test“. Einen solchen Test gibt es nicht. Die Leitlinie ist hier eindeutig: Die Diagnose wird weder allein durch Fragebögen noch allein durch psychologische Tests gestellt oder ausgeschlossen. Auch Computertests zur Aufmerksamkeit, Blutuntersuchungen oder ein EEG beweisen keine ADHS.

Tests sind trotzdem wichtig, wenn eine bestimmte Frage geklärt werden muss: Ist Ihr Kind in der Schule über- oder unterfordert? Steckt hinter der Unaufmerksamkeit eine Lese-Rechtschreibstörung? Wie verhält sich Ihr Kind, wenn es unter günstigen Bedingungen arbeitet? Dann setze ich passende Verfahren ein. Liegt bereits ein aktueller Intelligenztest vor, wiederhole ich ihn nicht.

Auch eine Lese-Rechtschreibstörung kläre ich selbst ab

Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben gehören oft zur Frage nach ADHS dazu. Die Diagnostik einer Lese-Rechtschreibstörung führe ich ebenfalls selbst durch: mit einem ausführlichen Gespräch, der Durchsicht von Zeugnissen und Klassenarbeiten, normierten Lese- und Rechtschreibtests und einem Intelligenztest. Sie müssen dafür nicht eigens eine Klinik oder eine Psychiatrische Institutsambulanz aufsuchen.

Eine Überprüfung in der Schule ersetzt diese Diagnostik nicht, denn zu einer vollständigen Abklärung gehört immer auch ein Intelligenztest. Wurde Ihr Kind in der Schule schon getestet, bringen Sie die Ergebnisse bitte mit. Mehr dazu steht auf der Seite Lese- und Rechtschreibstörung.

Was sonst dahinterstecken kann

Unruhe, Ablenkbarkeit und Ungeduld haben viele mögliche Ursachen. Deshalb prüfe ich immer auch andere Erklärungen und Störungen, die zusätzlich vorliegen können, zum Beispiel:

Bei etwa der Hälfte der Kinder mit ADHS liegt zusätzlich eine Störung des Sozialverhaltens vor. Das ist für die Behandlung wichtig, denn dann stehen die Eltern noch stärker im Mittelpunkt.

Das Ergebnis und wie es weitergeht

Am Ende steht eine Diagnose nach der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) mit Angabe des Schweregrads, oder die begründete Feststellung, dass keine ADHS vorliegt. Dazu gehört immer eine Beschreibung der Lebensumstände, die die Schwierigkeiten mit beeinflussen. Daraus folgt die Empfehlung, wie es weitergeht. Die Leitlinie gibt dafür eine Reihenfolge vor:

Wie die Behandlung mit den Eltern im Mittelpunkt aussieht, steht auf der Seite Eltern-Kind-Therapie bei ADHS und Sozialverhaltensstörungen.

Eine Behandlung in meiner Praxis und gleichzeitig in einer Psychiatrischen Institutsambulanz ist nicht vorgesehen. Warum das so ist, erkläre ich auf der Seite Psychiatrische Institutsambulanz (PIA). Ob und wann eine Diagnostik bei mir möglich ist, klären wir in der Psychotherapeutischen Sprechstunde.

Was Sie mitbringen

Für Jugendliche

Wenn du selbst wissen willst, ob du ADHS hast: Deine Sicht ist wichtig. Du füllst eigene Fragebögen aus, und wir sprechen allein darüber, wie dein Alltag in der Schule, mit Freund*innen und zu Hause aussieht. Ab 16 Jahren läuft die Diagnostik etwas anders: Dann geht es zusätzlich darum, wie es in deiner Kindheit war, und deine Eltern werden dazu ergänzend befragt.

Leitlinie und Literatur

S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (AWMF-Registernummer 028-045), insbesondere die Empfehlungen zur Diagnostik

Döpfner, M., Schürmann, S. & Frölich, J. (2019). Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten (THOP). 6. Auflage. Weinheim: Beltz

Döpfner, M., Frölich, J. & Metternich, T. W. Ratgeber ADHS. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Göttingen: Hogrefe

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